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Kletterer als Retter in der Not - Gestern wurde am Freiburger Münster der Ernstfall geprobt – Rettung über Außenmauern
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Von Yvonne Schweickhardt

Ilja Osthoff sitzt praktisch in der Luft. Bunte Kletterseile, die an einer Seilwinde an der Bauplattform des Freiburger Münsters festgemacht sind, halten ihn sicher in der Senkrechten. Unter ihm geht es 55 Meter in die Tiefe. Würde er abstürzen, läge nicht nur er auf den Pflastersteinen vordem Hauptportal des Münsters, sondern auch die junge Frau, die auf der Münstergalerie am Ansatz des Turmhelms einen Kreislaufkollaps erlitten hat. Ans Abstürzen verschwendet das Bergwachtmitglied keinen Gedanken: Schließlich gilt es, die Frau so schnell und sicher wie möglich abzuseilen. Unten wartet schon der Krankenwagen vom Malteser Hilfsdienst, der gerade mit Blaulicht und hoher Geschwindigkeit auf den Münsterplatz zugesteuert ist. Der I Münsterplatz ist gefüllt mit vielen Schaulustigen.

Glücklicherweise hat die junge Frau, Carina Lindenberg (27), gar keinen Kreislaufkollaps erlitten. Sie ist lediglich „Versuchskaninchen“ in einer Rettungsübung, die gestern von der Schwarzwälder Bergwacht, dem Malteser Hilfsdienst, dem Roten Kreuz und der Polizei veranstaltet wurde. Was ist, wenn sich im Münster ein Unfall ereignet, sich ein Besucher den Knöchel dermaßen verstaucht, dass er nicht mehr gehen kann oder jemand einen Herzinfarkt erleidet. Was ist, wenn einer der Steinmetze der Münsterbauhütte bei der Arbeit verunglückt?

„Das ist schneller passiert als man denkt“, sagt Bruno Thoma, der zusammen mit seiner Frau den Souvenirladen in der Türmerstube betreibt. Erst am 30. Dezember erlitt ein 60-jähriger Mann bei der Turmbesteigung einen Herzinfarkt. Er konnte „leider nur noch tot geborgen werden“, sagt Thoma. Bei 17000 Münsterturm-Besuchern jährlich komme es immer wieder zu Zwischenfällen. Damit Freiburgs Wahrzeichen bei Unglücken nicht zur Falle wird, halten sich alle an der Rettung Beteiligten genausten an einen Notfallplan, der jeder Gruppe genau sagt, was sie zu tun hat.

„Eine Frau erlitt einen Kreislaufzusammenbruch“, ruft ein Besucher - hier in Person von Bernhard Kühn, dem Ersten Vorsitzenden der „Südbadischen Interessengemeinschaft Rettungswesen“. Er 1st ganz außer Atem, schließlich ist er die vielen schmalen Stufen von der Galerie bis zur Stube heruntergestiegen. Entsprechend greift Turmwächter Bruno Thoma zum Telefon und informiert die Rettungskräfte. Diese werden von dem Münster-Schweizer Heinrich Grimm in Empfang genommen. Die acht Mitarbeiter von der Bergwacht sind allesamt in orangefarbenen Overalls gekleidet, schleppen ihre Bergungsgeräte – Seile, Karabiner sowie die sogenannte Bergungsschaufel – zum Einsatzort. Notarzt Frank Koberne vom Josefkrankenhaus, auch er ist soeben eingetroffen, ist zur Galerie aufgestiegen und versorgt Carina Lindenberg so gut es eben auf dem engen Platz geht.

„Ja eindeutig ein Kreislaufkollaps“, sagt er und schließt sie an ein EKG-Gerät an, gibt ihr Beruhigungsmedikamente und leitet eine Narkose ein. Dann sind die Leute von der Bergwacht wieder an der Reihe: Die nun tief schlafende Patientin muss von der Galerie durch das Innere des Münsterturmes, durch uralte Sandsteinornamente hindurch., zur Plattform abgelassen werden.

Der Wind weht, ein leichter Nieselregen benässt die Retter und hin und wieder landet eine Taube auf einem der vielen Pfeiler. Bis Carina Lindenberg transportfertig ist, braucht es gute zehn Minuten: Die Patientin wird auf eine Vakuummatratze gelegt, aus dieser wird die Luft gepumpt, so dass ihr Körper steif wie ein Brett auf der Trage liegt. Seile werden um sie und den roten Rettungssack geschlungen und sie wird vorsichtig von Bergwachtmitarbeitern durch die enge Öffnung ins Innere des Münsterturms gehievt. „Vorsichtig mit den Stahlspitzen", ruft Christoph Lippay von der Interessengemeinschaft Rettungswesen. Schließlich soll die Kreislaufgeschwächte nicht noch aufgespießt werden. Damit es bei Rettungen weniger Probleme gibt, haben Mitarbeiter der Münsterbauhütte nach dem vergangenen Unglück im Dezember dafür gesorgt, dass die Spitzen abnehmbar sind.

Ist die Patientin im Turminneren auf der Holzplattform angekommen, steht die nächste Hürde an:
Sie muss über die Bauhütte, die außen an der Plattform angebracht ist, rund 55 Meter in die Tiefe gelassen werden. Markus Neher und René Kieselmann, alle in Orange, behelmt und mit Seilen und Karabinern ausgerüstet, benutzen dafür den mit Strom betriebenen Baukran der Münsterbauhütte. „Zusätzlich gibt es noch eine Seilsicherung“, sagt Rene Kieselmann und meint, dass bei der Bergwacht generell bei allen Einsätzen doppelt abgesichert werde. Carina Lindenberg beißt konzentriert auf ihren Beatmungsschlauch. Vor ihr, in den Rettungssack eingepackt, liegen EKG- und Sauerstoffgerät. Nach
zehn Minuten hat sie endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen und riecht sofort den Duft frischer Waffeln.


(Quelle: Der Sonntag in Freiburg vom 15.07.2001)


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