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Grenzüberschreitendes Rettungswesen ist noch ferne Utopie
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Symposium der Südbadischen Interessengemeinschaft Rettungswesen in Münstertal über die Perspektiven der Unfallrettung im zusammenwachsenden Europa

MÜNSTERTAL (ml). Von einem grenzüberschreitenden Rettungswesen in der Regio oder gar in Europa ist man noch meilenweit entfernt: Das Fazit eines ganztägigen Symposiums im Kloster St. Trudpert in Münstertal, zu dem die Südbadische Interessengemeinschaft Rettungswesen (SIGR), ein Zusammenschluss von Rettungsfachpersonal, eingeladen hatte. Zwei Dutzend Führungskräfte verschiedener Rettungsdienste aus ganz Südbaden hatten sich eingefunden, um mit hochrangigen Referenten aus der Sparten Rettungsdienst, Krankenkassen, Berufsverbände und Recht die medizinischen, juristischen, finanziellen und verwaltungstechnischen Aspekte des grenzüberschreitenden Rettungswesens zu untersuchen.

Das erstmals in dieser Art veranstaltete Symposium befasste sich mit dem Rettungswesen im 21. Jahrhundert, mit dessen Perspektiven in einem zusammenwachsen Europa, wobei gerade doch die südbadische Region für Fragen der grenzüberschreitenden Rettung als besonders prädestiniert angesehen wurde. Das moderne Krankentransport- und Notfallrettungswesen in Deutschland wird, wie SIR-Vorsitzender Bernhard Kühn darlegte, getragen von drei Säulen: den zivilen Hilfs- und Sanitätsorganisationen, den Feuerwehren und den privaten gewerblichen Unternehmen.

Rettungsdienst ist Transportgewerbe

Kühn stellte den Begriff der „Hilfsfrist“ (ca. zehn -15 Minuten) als zentrale Leistungsvorgabe für das gesamte Rettungswesen heraus. Bei einer weiteren Konzentrierung der Rettungswachen sei eine Verlängerung der Hilfsfrist nicht auszuschließen. Rettungswachen gibt es derzeit in Freiburg zwei und je eine in den Landkreisgemeinden Breisach, Bad Krozingen. Münstertal, Müllheim, Neuenburg, Kirchzarten, Löffingen und Schluchsee. Über diesen zehn Rettungswachen steht die Rettungsleitstelle in Freiburg - eine von 37 in Baden-Württemberg - gewissermaßen als Koordinierungsstelle und zuständig für rund 400 000 Einwohner.

Wie lange das deutsche Rettungswesen mit der starken Vertretung der Hilfsorganisationen - in Baden- Württemberg das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der Malteserhilfsdienst (MHD), der Arbeiter Samariter Bund (ASB) und die Johanniter Unfallhilfe (JUH) - in der bisherigen Form Bestand haben wird, sei völlig offen, sagte der Stellvertretende Vorsitzende der SIR, Christoph Lippay, in einer Synopse über die Rettungsdienste in der EU. In einer anhängigen Klage habe das Oberverwaltungsgericht Koblenz die Monopolstellung der Hilfsorganisationen im Rettungsdienst als europarechtswidrig bewertet und die Klage an den Europäischen Gerichtshof weitergeleitet. Kritik übte Lippay an der EU-Terminologie, welche den Rettungsdienst nicht als medizinische Dienstleistung, sondern als Transportgewerbe sieht. Jedes europäische Land praktiziere das Rettungswesen anders, teils zentral wie in Frankreich und Großbritannien durch ein einheitliches Gesetz, teils föderal wie in Deutschland durch 16 Ländergesetze.

Fast in jedem Land eine andere Regelung

Eine einheitliche Definition für die Hilfsfrist gebe es weder in Deutschland, geschweige denn in Europa, Vielfach gelte im Ausland das Prinzip des „nächsten freien Fahrzeugs“. Laut Statistik liegen der bundesdeutsche Durchschnitt bezüglich der Eintreffzeit der ersten Rettungsmittel beziehungsweise des Notarztes in 95Prozent der Fälle zwischen acht und zehn Minuten. Mit derzeit 330 Rettungsleitstellen sei Deutschland absoluter Spitzenreiter in Europa - ein Zustand, der aus Kostengründen zu überdenken sei. Der EG-Beschluss aus dem Jahre 1991, europaweit die einheitliche Notrufnummer 112 einzuführen, sei immer noch nicht flächendeckend umgesetzt, beklagte der Referent.

Während in Deutschland vier große Hilfsorganisationen und zusätzlich die Feuerwehr eine dominierende Stellung einnehmen, läuft die Unfallrettung im Nachbarland Frankreich überwiegend über Krankenhäuser, Feuerwehr und Privatunternehmen. In Großbritannien dagegen befindet sich der Rettungsdienst fest in staatlicher Hand, und in Dänemark sind die Kommunen, die Feuerwehren und Privatunternehmen im Rettungswesen tätig.


(Quelle: Badische Zeitung vom 16.03.2000)


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